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D I E  K U L T (T O) U R

Nach dem Desaster letztes Jahr sind jetzt alle Motorräder wieder fit, eine Woche im September fest gelegt und bei der Suche des Zielgebietes finden Roger und ich heraus, daß am ersten Wochenende das Open House von Moto Guzzi in Mandello statt findet. Nachdem wir schon 2013 dort waren und fest gestellt haben, daß es eine Menge zu schauen gibt, steht die erste Station fest. Eine weitere Idee ist durch die Apeninen nach Westen zu fahren und durch Frankreich zurück, uns dabei vorher noch die Geburtsstätte von Ducati in Bologna anzuschauen


Splüggenpaß
Am Freitag soll es etwas entspannter weiter gehen, nachdem gestern nur Autobahn angesagt war. Über Landstraßen fahren wir bis Bregenz hinunter und schleichen dann durch Österreich und Liechtenstein bis in die Schweiz, wo es bei Chur endlich wieder Spaß macht Motorrad zu fahren. Diese 70km sind die anstrengendsten der heutigen 470km. Alles bleibt zum Glück trocken bis zum Fuße des Splüggen Passes. Hier heißt es wieder Regensachen anziehen, die aber wiederum 5km weiter ihren Sinn verlieren. Entspannt kommen wir gegen 19:00 in Mandello an und beziehen unser Zimmer im Ort, das wir zur Sicherheit gebucht hatten, weil wir Zeit und Wetter nicht abschätzen konnten. Abends stellen wir uns in die lange Coupon Schlange für das Essen an, aber Polenta, Roastbeef und Wein entschädigen dann bald dafür. Es ist voll, die Band spielt laut, es ist gute Stimmung, alles wie 2013, vielleicht nur noch voller.
ssss

Skulptur

Studie

Historie
Samstags gehen wir nach einem Frühstück gleich zum Werkstor, um uns bei den Probefahrten einzuschreiben. 9:30 macht das Tor auf, da ist der ganze Parkplatz schon gefüllt und der Bereich um das Werk im Ausnahmezustand, es ist alles voll. Wir können uns für den Nachmittag einschreiben, so haben wir noch den Tag über Zeit uns alles in Ruhe anzuschauen. Der Windkanal steht immer noch, ist seit letztem Mal neu gestrichen (übrigens ebenso wie das Werkstor) und dient als Kulisse für die Präsentation der V85TT. Die Motorenmontage wie auch das Band, wo die 1400er läuft (naja, eigentlich steht, es ist kein Produktionstag) sind zu besichtigen, aber viel mehr zu sehen ist draußen auf den Parkplätzen. Das meiste sind Guzzis, aber es sind auch alle anderen Marken vertreten. Alle Baujahre sind vertreten, es gibt originale Modelle, aber die Umbauten sind zahlreich vertreten. Uns fallen die vielen 1400er in allen Varianten auf, aber auch speziell erwähnenswert ist ein Umbau mit einem Doppelvergaser auf einem Vierventilkopf. Nachdem ich in Collenberg schon den Stelvio Motor beim "da Huber IS" gesehen habe (immerhin in einem originalen, nicht verstärkten Tonti Rahmen), ist hier auch ein schöner Umbau mit dem gleichen Motor auf Basis der Bellagio zu sehen. Ich kann meinen T-Shirt Abteilung wieder auffüllen, aber am Nachmittag merken wir, daß die offiziellen Open House T-Shirts schon nicht mehr in allen Größen erhältlich sind. Es scheint nicht mit so viel Andrang gerechnet worden zu sein. Das Wetter ist auch prima, sonnig, aber nicht heiß und trocken. Am Nachmittag übernehme ich die „gebuchte“ V9 Roamer, Roger die V7 und wir reihen uns vorne hinter dem Führer ein. Im Prinzip geht es im fliegenden Galopp einmal 20 Minuten oben um Mandello herum und wir sind froh, vorne zu sein. Innerhalb von 300 Metern haben wir alle hinter uns Fahrenden verloren. Erstaunlicherweise hält vor mir ein Cali 1400 Fahrer das Tempo problemlos. Ich finde die Sitzposition gewöhnungsbedürftig, hauptsächlich wegen der weit ausladenden Fußrasten. Der Motor zieht erstaunlich gut und lochfrei, mich stört nur als Vergaserfahrer das sensible Ansprechen der Einspritzung. Die schlechten Straßen offenbaren gnadenlos die Qualitäten der Federelemente, die gefühlt nicht viel besser als die optimierten meiner S sind. Im Prinzip hat Roger ähnliche Erfahrungen. Der Motor der V7 leistet ordentliches und Sitzposition ist ähnlich seine S. Abends sind wir wieder am Platz am Park, genießen noch die Abendstimmung am See, das Essen und das noch größere Gewusel als gestern. Es ist wirklich beeindruckend, was die lokalen Vereine, die anscheinend alle mit Ständen oder Aktionen vertreten sind, hier auf die Beine stellen und es ist auch erfreulich, daß Guzzi (oder Piaggio) die Zeichen der Zeit erkannt hat und auf Kundenbindung und -entwicklung setzt. Auch wir sind jetzt „Member of the Clan“ und haben unseren Begrüßungsbeutel in Empfang genommen.
Viervergaser Guzzi

Viervergaser Guzzi

Vierventilkopf

Guzzi
Moto Guzzi C4V 500
Guzzi
                Umbau
Umbau auf Basis Griso
Bellagio V8 Umbau
Umbau auf Basis Bellagio (V8)


Ferrari
                Boxenstop

Lamborghini Museum
Am Sonntag packen wir alles zusammen und brechen Richtung Bologna auf. Um Milano herum nehmen wir Schnellstraßen und Autobahnen, aber danach die Via Emilia (S9), was heute ohne LKW Verkehr erstaunlich streßfrei ist. Vor Bologna biegen wir nach Süden ab. Wir sind recht früh dran und wollen noch Maranello, der Geburtsstätte von Ferrari einen Besuch abstatten. Ein Foto vor dem Museum reicht uns aber, dann brechen wir auf nach S. Agata, wo Lamborghini sein Museum hat. Das schauen wir uns an, genießen aber ehrlich gesagt auch die Klimanlage bei den 30°C draußen. Beim Umschauen sehe ich, daß Lamborghini gar nicht so viele Modelle hat(te), und daß ich eigentlich alle kenne – das Alter.... Aber dann geht es wirklich nach Bologna in unser AirBnB Zimmer, daß wir nach etwas Suchen finden. Das Problem ist, daß die Innenstadt nur mit spezieller Zulassung oder Ausnahme befahren werden darf. Unser Zimmer liegt am Rand dieser Zone, was wir vorher geprüft hatten. Mit ein paar Tips vom Vermieter gehen wir nach dem Duschen, was bei über 30°C nicht wirklich Abkühlung ist, in die Stadt. Was als erstes auffällt ist, daß im Prinzip alle Häuser an den Straßen Arkaden haben. Man kann so immer von der Sonne (oder dem jetzt nicht vorhandenen Regen) geschützt flanieren. Die Häuser sind prächtig und oft verziert, teilweise aber auch äußerlich nahe dem Verfall. Uns gefällt es. Überraschen tut uns die schiefen Türme auf der Piazza di Porte Ravegnana, man kennt nur den in Pisa. Auch diese beiden sind auffällig schief. Abends finden wir ein nettes Lokal in der Via del Pratello, einer Szenegasse.
Bologna

Ducati
                Boxenstop
Moto Guzzi vor Ducati
Die Nacht in dem kleinen, recht stickigen Zimmer ist nicht so prickelnd. Wir können zum Glück unser ganzes Geraffel bei unserem Vermieter lassen und mit dem Bus (Karten im Bus 1,50€) raus nach Borgo Panigale fahren, wo Ducati beheimatet ist. Die Werksführung und das Museum kosten zusammen 30€ pro Person, kein Schnäppchen, aber wenn man schon mal hier ist…. Normalerweise muß man sich online anmelden, wegen der Moto GP am Wochenende geht es so. Trotz Hinweisen auf der Webseite komme ich auch in kurzen Hosen und Trekkingsandalen in die Werksführung rein. Sie ist sehr offen und detailliert, man bekommt alles gezeigt und mit sichtlichem Stolz werden auch alle Fragen beantwortet. Bemerkenswert ist, daß in drei Monaten am Jahresanfang mit 60% Leiharbeitern ein Großteil des Jahresgeschäfts produziert wird. In den verbleibenden 9 Monaten wird mit einer Stammmannschaft reduziert weiter gearbeitet. Deswegen herrscht etwas Leere und entspannte Atmosphäre. Das Museum ist bis auf ein paar anfängliche Modelle mehr konzentriert auf den Rennsport. Auch nett, aber wenn man nicht unbedingter Rennsportfan ist, ist das etwas eintönig.
Ducati
                Sport
Ducati Sport 150


Nach der Rückfahrt, etwas Stärkung und einem weiteren leckeren Eis um die Ecke packen wir und fahren los Richtung Süden. Um die Querverbindung Ost-West zu machen, nehmen wir kleine weiße Straßen, die aber durch den Zustand und die Streckenführung sehr viel Zeit kosten. Ziemlich erschlagen enden wir am Abend am Lago di Gramolazzo auf einem netten Campingplatz am See mit angeschlossener Pizzeria. Dort genießen wir Antipasti und Pizza mit Wein mit einem anschließenden Limonicello.

Morgens ist leider alles naß vom Tau. Wir kämpfen uns weiter nach Westen. Das ist der richtige Ausdruck für diese Strecken. Alle guten Strecken sind Nord-Süd, die Querverbindungen sind für unsere Fahrwerke wegen der Fahrbahnaufbrüche und -verwerfungen in Verbindung mit der 1,5 Spurigkeit eine echte Herausforderung. Positiv hervor zu heben ist die Strecke von Fornovo nach Bardi, die wir wirklich genießen können. Als wir in Farini nach 230km unsere Zelte in einem einsamen Wald Campingplatz aufschlagen, haben wir uns entschlossen unser Vorhaben der Durchquerung der Apeninen abzubrechen. Wir kommen kaum vorwärts, es ist anstrengend und macht nicht einmal Spaß. Nach einem kargen Mahl aus dem Supermarkt und einer sehr ruhigen Nacht fahren wir am Mittwoch Morgen hoch nach Piazenca und nehmen dort die Autobahn, um Kilometer Richtung Frankreich zu machen.

Insgesamt 420km über Autobahn nach Cuneo und den Col di Tenda hinein nach Frankreich kosten 20€. Es ist angenehmes Fahrwetter, auch als wir auf der französischen Seite ankommen. Nach etwas Orientieren fahren wir nach Sospel in der Annahme, daß es dort schon eine Tankstelle gibt. Aber die Hoffnung trügt und so rollen wir auf Reserve langsam runter zum Meer nach Menton. Da uns der Camping Municipal in Sospel mit seiner Lage direkt am Ort gut gefiel, fahren wir wieder hinauf in die Berge und schlagen dort unser Lager auf. Auf der Strecke mache ich noch einen Fotostop an einer Eisenbahnbrücke, die direkt aus dem Berg kommt, einen Bogen macht und auf niedrigerer Höhe wieder im Berg verschwindet. Sehr kunstvoll. In Sospel gibt es für uns Fisch und Pizza mit Blick auf das am Abend deutlich ruhigere Städtchen am kleinen Fluß. Wir passen unseren Absacker dem Land an und nehmen noch einen Pastis in der Bar an der Kreuzung.

Col de
                Braus
Leider macht uns am nächsten Tag der Regen einen Strich durch die Rechnung. Nachts hat es schon angefangen und wird bis in den Vormittag immer konstanter. So müssen wir alles im Regen einpacken und fahren voll verpackt erst einmal Richtung Nizza in der Hoffnung, daß es dort trockener ist, statt direkt nach Norden. Aber schon am Col de Braus ändern wir unsere Meinung. Es sieht jetzt deutlich besser aus, und wir drehen nach Norden ab. Über den Col de Turini und den Col St. Martin geht es hoch zum Col de la Bonette, einem der höchsten befahrbaren Punkten Europas mit 2802m. Wie so viele Male vorher ist es außer dem Fahrerischen auch von der Landschaft etwas Erhabenes, wenn man aus der Baumgrenze heraus kommt und die Landschaft immer karger, die Aussicht aber immer beeindruckender wird. Als wir unten in Jausiers ankommen, fängt es wieder mal an zu Regnen, aber richtig. Wir sind gezwungen eine Crépes Pause zu machen, bevor wir weiter fahren nach Norden über den leichten Col de Vars. Auf der Nordseite finden wir in Guillestre ohne Probleme Platz am Ort auf einem Campingplatz, und ich esse heute mal lecker ein 3-Gänge Menu.
Col de
                la Bonette

Col de
              Vars
Heute packen wir schön trocken ein. Es ist für die Höhe von 1000m erstaunlich warm und der Wind hat alles entfeuchtet. Es ist ein Rückreisetag angesagt. Wir haben gestern fest gestellt, daß wir ein wenig zu viel getrödelt haben und Roger nach Holland von hier aus insgesamt 1220km noch vor sich hat. Das müssen wir möglichst geschickt in zwei Etappen aufteilen. Aber noch ein letztes Mal wollen wir Spaß haben und fahren über den Col du Lautaret über den Col du Galibier und den Col de Telegraphe in das Tal der Arc und reihen uns hier auf der Landstraße nach Chambery ein. Ein kleines Schmankerl ist die Abkürzung über die D911 und den Col de Frene nach Rumily. Ab hier folgen wir endgültig den großen Landstraßen nach Lons-le-Saunier, wo wir noch auf die Autobahn gehen um mal Meter zu machen. Wir enden um 19:30 nach 620km in Vittel im empfehlenswerten Hotel „The new Providence“. Ein Abendessen mit Känguru Steak und Ile Flottante beenden mehr oder weniger die 10 Tage Motorradfahren für dieses Jahr.
Col du
              Galibier

Col du
              Galibier
Am nächsten Tag geht es nur noch mehr oder weniger direkt nach Hause. Das Wetter ist immer noch gut. Es war auch nicht schlecht, auch wenn wir viermal Regensachen anziehen mußten, ansonsten blieb auch das Goretex Futter aus der Jacke draußen. Annähernd 3200 problemlose Kilometer sind es für mich geworden. Eine heraus vibrierte Schraube aus dem Scheinwerfertopf mußte ich ersetzen, Roger eine Rücklichtbirne. Mein drei Jahre alter HJC Alpha Klapphelm zerlegt sich langsam. Nachdem schon Dichtungen abgefallen sind, ist jetzt auch die Rasterung vom Visier an beiden Seiten gebrochen. Generell ist er auch relativ laut und zieht. Aber damals paßte meine Brille besser als unter den Schubert C3. Die jetzt montierten Conti Classic/Race Attack überzeugen mich voll. Sie grippen super, geben ein gutes Gefühl und sind auch nach 7000km noch ziemlich rund und fahren sich nicht kippelig. Mit dem jetzt verbauten Aprilia Ölkühler ist die Temperatur noch ein wenig mehr reduziert geworden und stieg auch im 30° Stadtverkehr in Bologna nicht über 110°C. Über Land pendelt sie sich um die 95°C ein. Nach der Anpassung der Zylinder und Kolben aufeinander ist der Ölverbrauch auf die ganze Distanz endlich minimiert auf 0,5l und der Verbrauch bei 4,7 l/100km. Was bei den Benzinpreisen auffiel war, daß Österreich ganz klar am günstigsten und Italien am teuersten war, daß Frankreich aber bei weitem nicht mehr günstig ist wie früher. Früher waren die Supermarkttankstellen locker 10-15c billiger als Deutschland. Heute sind diese so teuer wie die deutschen, die normalen fast so teuer wie Italien. Und wenn ich gerade beim Rekapitulieren bin – seit 30 Jahren fahre ich nach Frankreich, mit Sarkozy fing es an, daß die Polizei mehr präsent ist und kontrolliert, ebenso fing die Zeit der Blitzkästen an. Mit Macron kommt jetzt noch die Begrenzung der Geschwindigkeit auf Landstraßen auf maximal 80 km/h dazu. Die Zeit des unbeschwerten Motorradfahrens ist vorbei. Man macht das Beste draus, wir haben die Fahrt genossen.

Eric Thane
September 2018