|
|
Die magischen 200000 hatte ich mir als
Ziel gesetzt für eine Grundüberholung meiner 1000S, nachdem
die Bestandsaufnahme bei 108.500 km so positiv ausfiel. Das ist
inzwischen vier Jahre her und wir (Motorrad und ich) haben inzwischen
wieder einiges von der Welt gesehen. Um uns für diese fast
fehlerfreien letzten 100.000 km zu belohnen, sollte jetzt endlich mal
alles gemacht werden, was für Spaß auf den nächsten
200.000 sorgen sollte. Aber vielleicht der Reihe nach.
Im Winter heraus
hatte ich aus einer Laune heraus günstig einen Satz offene LM III
Tüten gekauft, die ich im Frühjahr 1997 gleich auf der Tour
nach Frankreich ausprobierte. Klang gut, gar nicht so schlimm wie ich
gedacht hatte. Aber ich baute sie irgendwann wieder ab. Ich hatte seit
dem Winter nämlich immer einen etwas erhöhten Verbrauch und
wollte wissen, ob es am Auspuff lag. Es zeigte sich aber, daß er
nicht daran Schuld war, sondern eine kaputte Zündspule, die im
Endeffekt auch die Piranha Steuereinheit zerstörte. Ein
Anschluß der Doppelzündspule war, von außen nicht
sichtbar, heraus gerutscht . Zusätzlich war ein Kontaktbügel
abgebrochen, und so hatte sich das ganze selbst zerstört. Die
Zündspule und die Piranha Steuereinheit wurden jeweils für
ca. 125 DM getauscht, wobei ich die Steuereinheit im Austausch bekommen
konnte.
Dies war aber nicht der einzige Verbrauchstreiber. Ich hatte im Frühjahr auch die beiden 50er Gasschieber nach fast 80.000 Km gewechselt, weil sie an der Auslaßöffnung der Vergaser einen Rand gebildet hatten, den ich beim Gasgeben merkte. Obwohl neu und alt keine meßbaren Unterschiede hatte, verbrauchte der Motor mit den neuen Gasschiebern (50/1) ca. einen halben Liter mehr als vorher. Ich war ratlos und baute für den Urlaub, bei dem es mir auf Reichweite ankam (Rumänien mit seiner nicht so planbaren Benzinversorgung), wieder die alten Schieber ein.
Der Optik zuliebe tauschte ich den
originalen Gasgriff gegen einen Tomaselligriff mit einer Ducati
Schalteinheit. Das erleichterte das Aushängen der Gasschieber und
die Züge konnten in einem größeren Schwung unter den
Tank geführt werden, was etwas in den Betätigungkräften
zu merken war. Weil mir letztens auch mal wieder der große
Stecker unter dem Tank auseinander gerutscht war, und ich erst einmal
ratlos in der Garage nicht starten konnte, entschloß ich mich,
ihn endlich zu eliminieren. Ich setzte mich mal in Ruhe hin, ging den
Schaltplan nach überflüssigen Kabeln durch, entfernte sie und
lötete die verbleibenden zusammen. 4 Meter Kabel konnten so ohne
große Komforteinbuße eingespart werden.
Im Herbst schaute ich mir mal die Gabel
näher an, die im Urlaub hauptsächlich durch grobes
Durchschlagen auf sich aufmerksam gemacht hatte. Dabei stellte sich
heraus, daß eine Dämpferpatrone undicht war. Die Ursache war
ein verbogenes Stück Plastik, daß unten den
Durchschlagkolben blockierte und zu ungesunden Druckverhältnissen
im Dämpfer führte. Zum Glück gibt es für die
verstellbaren Bitubos diese Dichtungseinsätze einzeln, neu sind
die kompletten Teile nämlich gut teuer. Zusammen mit 5er
Gabelöl sollten sie wieder wie neu funktionieren. Ich nutzte
gleich die Gelegenheit und tauschte die Federn auf progressive Moto
Spezial Federn in der Hoffnung auf bessere Gabelarbeit vorne. Passung
war leider nicht deren Stärke, um sie überhaupt zu montieren,
mußte ich erst einmal den Innendurchmesser an den Enden
auffeilen, damit sie auf die Führungen paßten. Zeit zum
Ausprobieren blieb nicht, einen Monat später wurde die Maschine in
den Flieger geladen, und es ging nach Amerika, wo sie die
kommenden 18
Monate die Straßen unter ihre Räder nahm.
Ansonsten hatte ich wieder die neuen 50er Schieber montiert und ärgerte mich über den höheren Verbrauch. Irgendwann auf einer unseren langen Touren baute ich zum Probieren mal die alten 60er Schieber ein, die damals bei der ersten Tuningstufe gegenüber den 50ern so versagt hatten. Und siehe da, obwohl vom Fahrverhalten kein Unterschied zu merken war, sank der Verbrauch um über einen halben Liter sofort auf Durschnittswerte um 4.3 l/100. Theoretisch klar, die 60er lassen mehr Luft durch, aber warum lief sie früher mit den 50ern besser und warum gab es einen Verbrauchsunterschied zwischen zwei identischen Schiebern? Auch so ein Motor muß seine Geheimnisse haben.
Das Kupplungskabel habe ich nach fast
90.000 Km getauscht, weil es anfing zu reißen. Das war es dann
aber auch. Kurz vor dem Abflug Ende Juli 99 stellte sich leichte
Vibrationen in der rechten Fußraste ein, von denen ich
gehört hatte, daß dies ein Anzeichen für ein defektes
Kreuzgelenk war. Ich überprüfte es, stellte fest, daß
dieses erste Kreuzgelenk nach 202.500 Km anfing schlapp zu machen, aber
wollte es in Ermangelung von Ersatz erst in Deutschland tauschen. Es
hatte bisher "nur" Spiel in den Lagern.
Das
war dann auch meine erste Aktion in Deutschland, als sie wieder
angekommen war. Kreuzgelenk und Stützlager wurden getauscht.
Irgendwie hatte ich das Gefühl ihr für die letzten
stressfreien 50.000 Km was schuldig zu sein und wollte endlich mal
etwas an der Optik machen. Die ständig siffig schwarzen Felgen
störten mich schon lange. Jetzt machte ich Nägel mit
Köpfen und gab sie zum Sandstrahlen und Lackieren. Sie kamen in
einem leuchtenden Orange zurück. Damit das auch so blieb, leistete
ich mir noch rostfreie Bremsscheibenaußenringe rundum. Im
gleichen Atemzug bekam auch die SP Verkleidung endlich eine Lackierung,
die zu dem Rest paßte, Schluß mit dem Schmutzig Weiß.
Auf einen Tip von Jens Hofmann hin baute
ich mal den Lenkungsdämpfer ab, und siehe da, es war keine
Änderung im Fahrverhalten zu spüren, im Rangierbetrieb
ließ es sich logischerweise leichter lenken. Er erzählte mir
auch von phantastischen Einflüssen, die Öhlins Federbeine auf
das Fahrwerk hätten. Bei nächster Gelegenheit legte ich mir
also ein Paar dieser sündhaft teuren Stücke zu. Leider
vergaß er zu erwähnen, daß er eine Spezialvariante
dieser Marke vertreibt, so bin ich wohl von dem letzten Quentchen
Verbesserung ausgeschlossen (die aber, wie ich inzwischen weiß,
mir eher zu hart sind). Aber auch so ist es ein himmelweiter
Unterschied zu den originalen Konis, die gerade zum Schluß mir zu
weich waren. Die Öhlins bügeln so ziemlich alles weg, was
quer kommt. Dadurch daß das Heck etwas höher kommt, ist die
Maschine auch etwas kurvenwilliger.
Das ganze Zeug wurde vermessen und erschien in einem erstaunlich gutem Zustand. Die Kurbelwelle war bei allen Lagern noch innerhalb der Toleranz, nur der Laufbereich des hinteren Simmerings hatte Spuren, die man durch einfaches Läppen aber glätten konnte. Das vordere Kurbelwellenlager war leider konisch und mußte getauscht werden, das hintere konnte weiter verwendet werden. In der Schlammbuchse hatten sich in den letzten 100.000 km relativ wenig Ablagerungen gesammelt, dafür daß ich immer ganz normales Mineralöl fahre. Das Gehäuse der Ölpumpe war immer noch plan, nur die beiden Ölpumpenräder waren von den durchgeschleusten Schmutzpartikeln doch schon reichlich angenagt, sie mußten ersetzt werden.
Die Nockenwellenlager werden auch weiter verwendet. Die Nockenwelle kann ich nicht weiter einsetzen, nicht weil sie defekt ist, sondern weil sie die Ventile nicht weit genug öffnet, um die größeren Brennräume zu füttern. Sie ist aber immerhin so gut, daß ich sie guten Gewissens einem Freund in Amerika noch weiterverkaufen kann. Alle Lager sind in der Toleranz und auch die Nocken haben nur ganz begrenzt Laufspuren. Die Stößeltassen sind in einwandfreiem Zustand, nur eine hat eine kleine Stelle mit Pitting. Sie werden aber alle durch neue Stücke ersetzt.
Bei der Aktion bei Kilometerstand 110.000 hatte ich ja schon Carillos eingebaut, die auch ohne weitere Änderung wieder eingebaut werden konnten, natürlich kommen neue Pleuellager rein. Auch die Kolben und Zylinder waren in einem Zustand, der nicht unbedingt für einen Austausch gesprochen hätte. Die Ringe hatten zwar alle zu viel Spiel im Kolben, aber funktioniert hätte es auch noch weitere 100.000. Auch die Zylinderköpfe wurden gemessen und nur die Auslaßventilführungen mußten ersetzt werden. Die Ventile werden durch die kohlenstoffbeschichteten Exemplare von Dynotec ersetzt. Nicht schlecht für die Laufleistung; wie gesagt, außer der Nockenwelle, den Pleuel mit Lagern und den Stößeltassen hat alles die volle Laufleistung von über 200.000 km mitgemacht.
Das Getriebe wurde von Gerd zerlegt und in Augenschein und unter die Meßinstrumente genommen. Wie schon bei der letzten Überholung war er überrascht, daß der fünfte Gang in einem so guten Zustand war. Dafür war die bei der letzten Überholung schon bemängelte Vorgelegewelle endgültig reif zum Austausch. Dazu kamen diesmal ein Rundumschlag im Lagerbereich. Das summierte sich zu runden 1700 DM, da alleine die Welle für 720 DM in den Listen stand.
Bei abschließenden Gespräch
über die auszuführenden Maßnahmen überzeugte mich
Jens davon, daß noch mehr besser ist und daß ein 95er
Kolbensatz bei den gezeigten Laufspuren bei mir bestimmt so lange
halten würde, wie ein 92er. Das kann man in der Weise positiv
sehen, daß ich mit meiner Maschine vorsichtig umgehe, vielleicht
wollte er mir auch einfach nur zu verstehen geben, daß es
aussieht als ob ich ein Schleicher bin, wer weiß.... jedenfalls
fielen für die größeren Kolben im wesentlichen nur
zusätzliche Materialkosten an, da alle anderen Arbeiten
schon für die kleineren Kolben notwendig waren. Dazu kam
noch, daß die größeren Kolben sogar leichter waren als
die kleineren, das deutete auf größere Drehfreudigkeit hin.
Als Nockenwelle würde immer noch die mehr auf Drehmoment
ausgelegte
7906 Nockenwelle zum Einsatz kommen. Die Aussicht auf die angesagte
zusätzliche Mehrleistung ließen mir dann doch trotz des
finanziellen Extras von 2500 DM das "JA" über die Lippen rutschen.
Mit Freude im Herzen und Gedanken im Kopf (wo ich denn wohl das
ganze Geld her bekommen würde) ging es wieder nach Hause.
Die Wartezeit überbrückte ich mit
Kleinarbeiten, die mir schon lange im Kopf herum geisterten. Mein
Cockpit hatte definitiv zu viele Kontrolleuchten, manche brauchte ich
gar nicht. So renovierte ich auch meinen Instrumententräger, baute
den Heizgriffschalter und eine Beleuchtung für die Uhr ein. Die
Instrumente bekamen neue Chromdosen und O-Ringe. Ein neues
Zündschloß kam auch zum Einsatz, da ich bei den letzten
Fahrten wieder dieses eigenartige Ruckeln gespürt hatte, als wenn
in unregelmäßigen Abständen der Strom komplett
ausfällt. Das erinnerte mich doch sehr an das erste Mal, als mir
das bei Kilometerstand 28.650 passierte. Das Ruckeln tauchte auch nicht
wieder auf. Das alte Schloß hatte zwar etwas mehr Spiel, aber die
Kontakte waren immer noch alle in Eingriff, soweit ich das feststellen
konnte.
Mit meiner Elektrik beschäftigte ich mich auch noch ein wenig. Ich nahm mir endlich mal die Zeit, alle nicht unbedingt notwendigen Kabel unter den Tank zu verlegen. Der Reflektor vom Scheinwerfer war auch austauschreif und wurde gegen ein neues Exemplar von Hella getauscht. Meine letzten Nachtfahrten waren mir bei dieser Entscheidung eine Erleuchtung (im negativen Sinne). Meine Schwinge bekam neue Simmeringe, nachdem ich feststellte, daß die Lager immer noch leicht drehten.
Nach
zwei Wochen schon kam ein Anruf von Jens, daß der Motor fertig
sei. Also machte ich mich auf zur Bank, hob das nötige Geld ab und
holte mir den Motor in den Keller. Hier wurde er wieder zusammen
gesetzt. Öfters passierte es, daß ich Sachen wieder
auseinander schraubte, weil ich mir plötzlich nicht ganz sicher
war, ob ich alles richtig gemacht hatte. Tja, wenn man so ein
wertvolles Stück vor sich hat, wird man vorsichtig. Alles
paßte zusammen, nur beim Einbau der Saprisa Lichtmaschine machte
ich eine beunruhigende Entdeckung. Eine der Spulen im Stator hatte sich
gelöst und wackelte etwas. Nachdem ich mit Verbiegen der
originalen Haltenasen nicht weiter kam, setzte ich
Zweikomponentenkleber ein. Mit der Hoffnung auf Dauerhaltbarkeit vor
allen Dingen in Sachen Vibrationen setzte ich alles wieder zusammen.
Einen halben Sonntag brauchte ich, um in der Tiefgarage wieder alles
fertig zusammen zu setzen. Mit den Feinarbeiten wie Anpassen der neuen
Gehäuseentlüftung und Zündungseinstellung dauerte es
dann noch bis in die kommende Woche hinein, bis ich das neue Herz in
Gang bringen konnte. Aber nach etwas Öl pumpen ohne Zündung,
sprang sie gleich an. Hurra!!
Ehe der Winter vorüber ging, nahm
ich mir auch noch mal die Gabel vor, das letzte, was mich immer noch
störte. Das Messen der Eintauchtiefe ergab, daß die Gabel
gerade einmal 20mm eintauchte. Bei theoretischen 140mm Federweg waren
das gerade mal 16%. Als Daumenwert bekam ich 25 bis 30% genannt, die es
hätten sein sollen. Ein Kollege vom Stammtisch "Cavalli con Cuore"
hatte zum Glück in seiner Firma die Möglichkeit, die Federn
an der weit gewickelten Seite zu kürzen und wieder flach zu biegen
(Danke Thomas). Damit liege ich an der Untergrenze der Theorie mit 25%,
mehr geht leider nicht, weil die Einbaulänge hier die
Minimallänge vorgibt (415mm). Zusammen mit den Öhlins hinten
gab dies auch ein ansprechendes Federungsverhalten, soweit man bei
einer Guzzi hiervon sprechen kann. Die gekürzte Länge ist
durch das Nachstellen der Vorspannung bei Bedarf leicht wieder heraus
zu holen.
Bevor die Saison
richtig losging, starb leider noch der Tacho vor lauter Ehrfurcht vor
der erhöhten Leistung einem langsamen Tod. Es fing an mit
eigenartigen Quietschgeräuschen, die ich erst vergeblich in der
gesamten Front suchte. Da die Reparatur fast genauso viel kosten
sollte, wie ein neuer, entschloß ich mich zu einem Neuteil. Die
sind gar nicht mehr so einfach zu bekommen, da Veglia anscheinend die
Produktion eingestellt hat. Irgendwann hörte das Quietschen
allerdings wieder auf, und ich ließ doch den alten drinnen. Der
neue liegt einsatzbereit unten im Keller.
Anfang April hatte ich auch wieder den
Abstimmungstermin bei Dynotec, der Motor hat inzwischen schon 2500 Km
hinter sich. Das sollte ihn bereit machen für die endgültige
Abstimmung und Leistungsmessung. Außer einer kleineren
Hauptdüse war bei der Abstimmung nichts zu tun, das Ergebnis des
Leistungsprüfstandes war allerdings enttäuschend. Gerade mal
10 PS mehr waren abzulesen. Da sollte doch für den Aufwand doch
etwas mehr bei rauskommen. Da mir immer wieder von den 42er
Krümmern als optimale Größe vorgeschwärmt wurde
(und weil wir sonst auch nicht recht wußten, wo anzufangen)
bauten wir direkt auf dem Prüfstand auf diese um und siehe da,
jetzt war alles wie es sein sollte. Meine Befürchtungen wurden
nicht bestätigt, es kam nicht nur Leistung oben rum dazu, sondern
auch unten rum blieb alles wie es vor es war. Der Motor erstarkte
alleine durch den Umbau auf 97 PS und 111 Nm (siehe auch Diagramme). Das ist satt. Auch die Heimfahrt
war ein positives Erlebnis. Nicht nur daß der Motor nach oben
raus
noch drehfreudiger ist, sondern man kann ihn auch mal mit 2000 U/min im
5ten durch einen Ort quälen, ohne daß er in irgendeiner
Weise
angestrengt wirkt.
Eric Koch
22.4.2000
PS: dieser Artikel hatte noch ein Nachspiel, das man hier nachlesen kann = So kann es auch gehen