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GUZZI's in der neuen Welt
(erschienen in MOTALIA Nr. 112/1998)

Ich war ja sehr erfreut, mal eine positive Resonanz auf meinen Balkanbericht in der Mai-MOTALIA zu lesen. Ich bin mir selber oft nicht so sicher, ob es wirklich viele Leute gibt, die Berichte von etwas ungewöhnlicheren Touren gerne lesen. Auch heute berichte ich mal aus einer weit entfernten Ecke der Welt. Ich bin beruflich gerade in den USA, und wir nutzen die Chance, hier mal ein paar Treffen zu besuchen und uns ein Bild vom Motorradfahren hier zu machen.

ein Rat Bike Wir waren inzwischen auf zwei Guzzi-Treffen, die wahrscheinlich die Spannweite des Guzzifahrens hier zeigen. Das erste war das Illinois Treffen in Oquada nahe der Grenze zu Iowa. Das ist von uns (wir leben derzeit in Detroit) ca. 860 Km entfernt. Die Entfernungen sind hier riesig. Wir haben auf dem Hinweg noch ein Pärchen abgeholt, das wir über das Internet kennengelernt haben, Gelana und Kevin, die beide auch Guzzis fahren. Die beiden fahren natuerlich ohne Helm, weil man das in Illinois darf, obwohl Gelana (ohne Verkleidung) schon zugibt, dass es eigentlich nicht so angenehm ist, und sie es hauptsächlich wegen der Hitze macht. Als Schutzkleidung werden die Lederchaps angesehen, die man aber eigentlich nur anlegt, wenn das Wetter schlechter wird. T-Shirt wird in der Regel als ausreichend akzeptiert. Es gibt hier nicht viele Frauen, die selber fahren. Auf dem ganzen Treffen, zu dem gut 100 Leute gekommen sind, waren vielleicht 5 Frauen, die selber fuhren. So hat Susann mit ihrer SP1000 auch gleich den Pokal für die längste Anfahrt bekommen. Die weiteste Anfahrt der Männer hatte jemand mit 1300 Meilen (!). Außderdem wurde noch der Jüngste gekuert, ein 16jähriger, der mit seiner sehr schönen umgebauten V50 Monza immer um den Platz fuhr und der mit 75 Jahren Älteste. Dabei ist vielleicht noch anzumerken, daß hier der Alterdurchschnitt bei Guzzifahrern deutlich höher ist, eher in Richtung 45 bis 60. Es gab auch, wie auf jedem Treffen, ein 50/50 drawing. Es werden Lose verkauft und am zweiten Abend ein Gewinner gezogen, der dann die Hälfte des Loskaufpreises bekommt. Da läppern sich teilweise 600 bis 1000$  als Gewinn zusammen.

Aber das Treffen: ein Superplatz, schattig im Wald gelegen abseits von großen Straßen am Arsch der Welt. Eine Klasse Organisation. Freitag Abend gab es Chilli, am Samstag Morgen Frühstücks Buffet im nächsten Ort und abends smoked ham mit allen möglichen Beilagen. Sonntag morgen dann noch mal donuts mit Kaffee. War alles recht lecker und in dem Pauschalpreis von 20$ pro Person enthalten (auch das Bier). Das Treffen war relativ familiär, die meisten kannten sich offensichtlich. Was uns auch positiv auffiel, trotz "All you can drink"  gab es keine Betrunkenen. Meine 1000S war nicht die einzige auf dem Platz, es gab eine sehr schön umgebaute mit einer Art Contitüten mit Klassesound in rostfrei. Die suchte für 6500$ einen neuen Besitzer. Sonst gab es nur sehr wenige Motorräder ohne Verkleidung. So fehlten auch alle Arten von Sport- oder Classikumbauten, die bei uns die Treffen bestimmen. Dafür gab es hier hauptsächlich Cali III in allen Variationen zu sehen, die meisten auch mit verschiedensten Vollverkleidungen, die helfen sollen, die Entfernungen relativ entspannt zu ueberstehen. Die zweithäufigste Guzzi war die alte SP1000, die SP II oder III waren eigenartigerweise nicht vertreten. Dafür ist es hier üblich, einen Hänger anzuhängen, was teilweise bis zur Größe ausklappbarer Wohnwägelchen geht. Man hat den Tag über geklönt, wobei es aber eher um Entfernungen und Haltbarkeit als um technische Details und Lösungen ging. Am Samstag wurde zwar auch eine Ausfahrt angeboten, aber die meisten fuhren in kleinen Gruppen zum nächsten Händler, um sich dort mal umzuschauen. Verständlich bei mehr oder weniger einem Händler pro Bundesstaat. Diese Händler allein sind eine Reise wert, da die Läden oft wie Museen sind, weil sie alles sammeln. Sie sind aber erstaunlich gut sortiert.

Die Guzzi Parade Das zweite Treffen war das Treffen des National Owners Club, das in einem viel größeren Rahmen ablief. Diesmal waren es von uns nur knapp ueber 500 Km. Was uns allerdings erstaunte war, daß bei unserer Ankunft um 22:00 auf dem Platz nichts mehr los war. Uns wurde gesagt, daß das Essen schon ausgegeben wurde und daßalle jetzt in den verschiedenen Kneipen des Ortes zu finden seien. Das fanden wir schon etwas komisch, da wir nämlich noch nichts gegessen hatten, wir hatten auch hier wieder pauschal 25$ bezahlt, die allerdings hier neben den 4 Essen nur die Getränke am Samstag Abend einschlossen. In den Kneipen war dann aber die Stimmung gut, und es konnte sogar getanzt werden. Dieses Treffen war um einiges größer als das letzte. Hier waren ungefähr 600 Leute, und es wurde am Samstag unter großer positiver Beteiligung der Bevölkerung eine grosse Parade durch den Ort gefahren. Es waren hier fast alle Arten von Motorrädern zu sehen. Dieses Treffen war auch sehr viel besser besucht, weil es im Osten der Staaten stattfand, wo mehr Leute leben und damit auch Motorrad fahren. Auch hier waren es meistens Cali III und SP1000, aber man sah auch ein paar Mille GT und alle Arten von LeMans. Was ich hier bisher garnicht gesehen habe, ist die T5 und die SP II, dafür gab es aber gleich mehrere Strada 1000. Das heißeste Gerät war eine LM IV umgebaut mit einem Teil einer Chevy V8 Kurbelwelle und 101mm Kolben auf 1524ccm. Dazu passend Mikuni Vergaser und Spezialnockenwelle und alle anderen möglichen Spezialteile. Erstaunlicherweise war die Maschine relativ leise, weil hier generell loud nicht out ist. Auf dem Leistungsprüfstand hatte er sie leider noch nicht und über die Dauerhaltbarkeit dieser Kombination gab es auch nichts zu berichten, da sie erst 3000 Meilen gelaufen war. Ansonsten hatte dort ein anderer Freak drei seiner insgesamt acht V7 Sport ausgestellt, die in einem "besser als neu" - Zustand sind.

Das nächste Wochenende wollen wir auf dem Weg in den Urlaub auf einem Treffen in Indiana vorbei. Das soll noch etwas kleiner werden. Die Gegend ist dort noch ländlicher, und es ist schon ziemlich weit im Westen. Wir freuen uns schon drauf, man wird hier sehr freundlich aufgenommen und schnell akzeptiert.

Eric & Susann
September 1998