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Provence - Flexibilität ist alles
Mal ohne hohe Alpen

Martin kenne ich seit 2001, wir haben die Kroatien/Serbien Tour zusammen gemacht und die Anschläge auf das World Trade Center auf einem Campingplatz in Slowenien fassungslos verfolgt. Nach Jahren der Abstinenz hat sich seine gesundheitliche Situation verbessert, so daß er doch mal wieder eine Tour auf seiner verbliebenen XS650 mit mir unternehmen wollte. In der heutigen Zeit braucht mein Arbeitgeber lange Planungen, und ich war froh, daß wir im Mai 2022 uns schließlich auf den Weg machen konnten. Das Ziel sollte die Provence sein mit Option auf Hochalpen oder Ardèche, wir waren durch Übernachtungsausstattung mit Zelt flexibel aufgestellt.

Hotel de la terasseDie Wettervorhersage ist einwandfrei und das Goretex Futter geht in den Tankrucksack. Ich kann mir mit der Anfahrt Zeit lassen, wir sind erst am Samstag um 16:00 in St. Hippolyte verabredet. Also kann ich morgens noch packen und fahre kurz vor Mittag los und nehme die Autobahn, weil ich alles dazwischen schon oft gesehen habe. Das erste Tanken macht Freude, während Deutschland noch diskutiert, hat in Frankreich per Dekret schon eine Reduzierung des Benzinpreises um 15c statt gefunden. An Colmar vorbei fahre ich auf die Nebenstrecke nach Süden, merke aber gar nicht, daß ich plötzlich Richtung Schweiz unterwegs bin und versuche nur schnell wieder raus zu kommen, was mangels meines ausreichenden (weil unvorbereitet) Kartenmaterials und Ausschilderung doch etwas braucht. Mit etwas Verspätung komme ich in St. Hippolyte an und sehe Martin schon im Café sitzen.

Nach einer kurzen Ruhepause und Abstimmung beschließen wir das Tanken im Maiche und einen Einkauf für abends, weil ich mir nicht sicher bin, ob wir morgen das auch können. Die letzten Kilometer von den 430km ziehen sich, auch wenn die Strecke schön ist. Tanken, Einkaufen und dann auf den mit 25€ recht teuren, aber auch schönen Camping Municipal und den Abend ausklingen lassen. Wir haben uns lange nicht gesehen.

BelvedereRadlerFür das Frühstück fahren wir gesattelt in den Ort. Nach Chausson au Pommes für mich und die Pain au Chocolat für Martin mit Café geht es los. Martin muß allerdings lernen, daß Café Creme inzwischen manchmal auch mit kleiner Kondensmilchbeigabe bedeutet. Ich halte an Café au lait fest. Bis St. Claude umgehen wir Pontalier über kleine Nebenstraßen über Mouthier und Leviers. Nach dem Kessel von St. Claude führt unser Weg durch die Jura zum Belvedere de Catray für einen Fotostopp mit weiter Sicht bis in die Schweiz. Das Wetter läßt keine Wünsche offen. Wir wechseln uns mit der Führung ab, können beide gut nach Karte fahren.

Martin schafft es auf kleinen weißen Straßen Richtung Chartreuse Massiv zu steuern, wo wir unser Tagesziel sehen. Leider hat der Municipal in St. Laurent du Pont noch geschlossen, so fahren wir die paar Kilometer in den Ort Les Echelles und schlagen unsere Zelte auf dem im Ort gelegenen Campingplatz L'arc en Ciel auf. Leider nutzt uns diese zentrale Lage nichts. Alle Restaurants haben geschlossen, nur der lokale Imbiss ist offen und wir machen etwas, was wir normalerweise vermeiden - essen eine der zu teuren/schlechten französischen Pizzas. Immerhin hat der Imbiss Sitzplätze draußen, die wir nach ein wenig Bitten nutzen dürfen. Danach schlendern wir weiter durch den Ort und entdecken am anderen Ende eine Bar, die tatsächlich auch kleine Gerichte anbietet. Das wäre die bessere Wahl gewesen. So rekapitulieren wir nur die heutigen 340km bei einem Pastis und Rosé.

SaultIn der nahen Bar frühstücken wir schlechten Café und Croissants, es ist bedeckt und nachts hat es geregnet. Laut Handy zieht bis 9:30 ein Regengebiet durch, aber wir entschließen uns das nicht auszusitzen sondern packen das nasse Zeug auf und ziehen uns wasserdicht an. Wie es so ist, nach einer halben Stunde können wir uns weit vor Voireppe schon wieder locker machen und fahren in luftiger Kluft vor Grenoble ins Vercors rein. Ohne Umwege nehmen wir die D531/518 über Villard-les-Lans runter nach Die. Oben am Tunnel vom Col du Rousset halten wir an für die immer wieder grandiose Aussicht nach Süden, dann schwingen wir talwärts zum wie immer heißen Die vorbei zur D61, die uns über den Col de Premol nach Remuzat bringt. In der Mittagspause genießen wir das Menu im Le Jardin in La Motte Chalacon.

So frisch gestärkt schaffen wir auch die direkte Verbindung Richtung Süden über die kleinen weißen Strecken über Bellecombe und Aulan. Sault ist abseits der Saison schön ruhig, wir können uns einen Platz im Caf
é aussuchen und den Blick auf den fernen Mont Ventoux genießen, die Sicht ist sehr gut heute. Die letzten Kilometer nach Villes-sur-Auzon gehen schnell, die D942 ist Erholung pur, nach den kleinen weißen Polterpisten (dank neuer Gabel gut erträglich) ist das hier Guzzi-Revier wo man entspannt Kurven in verschiedenen Radien streßlos räubern kann. Der Camping Municipal im Ort ist leicht zu finden und mit 16,50€ auch günstig. Nach dem Zeltaufbau klären wir die Essenfrage und glauben ja schon fast an schlechtes Nahrungs-Karma. Hier gibt es zwar einen kleinen Vidal Market, aber Brot ist ausverkauft und heute am Montag hat der Bäcker zu. So gibt es heute Toastbrot zum Käse. Dafür können wir den Rosé im camping-eigenen Kühlschrank runter kühlen vor dem Genuß. Martin muß sich vorher noch regelmäßig um seinen Kettenöler kümmern, der ihm eigentlich gedankenlose Fahrerei ermöglichen soll. Heute sind 290km zusammen gekommen.

Col de la NesquesLac de St CroixDen Tag starten wir mit einem wirklich guten Cafè im Ort mit sehr guten Chausson au pommes, bevor wir die ersten Kilometer im direkt vor der Haustür gelegenen Gorges de la Nesques unter die Räder nehmen. Die Strecke ist grandios, am Belvedere halten wir noch für ein paar schöne Fotos hinunter. An Sault vorbei schwingen wir weiter auf kleinen Straßen nach St. Michel l'Observatoire, von wo es durch das anstrengende Manosque Richtung Valensole geht. Die letzten schönen Kilometer vor Riez auf der D6 müssen wir bei einer Pause dort verarbeiten.

Unser Umkehrpunkt heute soll allerdings der Lac de St. Croix sein. An der Zufahrt zum Canyon finden wir einen kleinen Platz, wo wir unsere Pause mit Blick auf den See mit seinem azurblauen Wasser machen können. Ein herrliches Panorama. Den Rückweg suchen wir über Forcalquier.

In Villes sur Auzon holt uns unser Karma wieder ein, es hat nur ein Bistro offen, alles andere hat zu. Immerhin gibt es hier einen guten Burger und Rosé. Auf dem Platz quatschen wir bei einer zweiten Flasche Rosé noch länger in dem überdachten Aufenthaltsbereich, rechnen die heutigen 290km zu unseren Tachoständen und hören uns das laute Gequake der Frösche im nahe gelegenen Teich an.


La LureEs ist Mittwoch, wir denken über den generellen Ablauf der Restwoche nach. Gestern war es hier schon knuffig heiß und die Aussichten sind weiterhin so. Wir entscheiden, daß unsere Zukunft in größeren Höhen liegt und wollen über die Hochalpen Richtung Heimat fahren. Nach einer Wiederholung des gestrigen herrlichen Frühstücks packen wir, kommen wie immer kurz nach 9 los und schwingen uns auf den 50km bis Banon ein. Die weitere Strecke bis St. Etienne bereitet mich nur auf eine Strecke vor, die Martin aus der Erinnerung als sehr schön kennt. La Lure.... eine Empfehlung aus dem Enduro Kalender, klein, weiß, grobe Buckelpiste bestehend aus aneinander gereihten Aufwerfungen für 40km. Die Aussicht oben ist klasse, die Landschaft auch, aber ich kann sie nur genießen beim Anhalten. Die Straße bedarf voller Aufmerksamkeit.

In Sisteron angekommen tanken wir nur an einer historisch aussehenden Tankstelle (Station Louis) und fahren gleich weiter, weil es uns hier zu heiß ist, in der Hoffnung irgendwo ein ruhigeres Plätzchen für eine Pause zu finden. Hinter
Sisteron biegen wir auf die D951 ab und finden im ersten Ort La Motte du Caire die Erfüllung all unserer Wünsche im Cafe de la Poste. Das 16€ Mittagsmenu ist lecker, und wir schmieden im Schatten neue Pläne. Wieder gestärkt fahren wir wieder zurück in das Durance Tal, allerdings über Claret und dann zum Col d'Espreaux hinauf. Auf dem Weg tauschen wir mal die Motorräder, um neue Er"fahrungen" zu sammeln. Der Motor der XS, aufgebohrt auf 750ccm, ist der Hammer. Er läuft sauber und zieht überall. Nur Anhalten darf man nicht, weil der Leerlauf ein wenig eigenwillig ist. Im Durchzugsvergleich kann meine Guzzi im fünften erst ab 110km/h Boden gut machen (natürlich hat die Übersetzung auch einen Einfluss). Beim Rest der Peripherie zeigt sich allerdings das Alter von ebenfalls von über 300.000km und Baujahr 1976. Gefühlt ist alles ausgeleiert.Col d'Espereaux

Die D20 über den
Col d'Espreaux ist super und die Landschaft etwas ganz besonderes. Sie besteht aus Felsformationen, die auf Anhieb aussehen wie der gespritzte Stabilisierungbeton. Leider ist die D937, die wir als Querverbindung nach Corps nehmen wollen gesperrt. Wir überlegen noch über einen kleinen Steg zu einem Radweg zu kommen, aber ich lege mein Veto ein. So viel Enduro Erfahrung habe ich nicht. Ein Stück zurück ist die Alternative von Devoluy über den Col du Noyer, ein würdiger Ersatz. Im Tal stoßen wir auf die N85 und folgen ihr bis zur Abzweigung Richtung Bourg d'Oisan, was wir nach einer kleinen Café Pause über den Col d'Ornon nach insgesamt 320km erreichen. Der erste Campingplatz hat überpünktlich um 18:00 schon keine Rezeption besetzt, aber im Camping La Piscine werde wir freundlich aufgenommen (bei 25€ sollte das auch so sein). Ich gehe im nahe gelegenen Casino Supermarche shoppen, Martin macht sich frisch und danach setzen wir uns bei einer der Hütten unter das Vordach. Es zieht nämlich heftig zu, es kommt einiges an Wind auf und unser Ziel im Osten (die Berge) verschwinden in Gewitterwolken. 

BrückeComb LavalMorgens ist alles naß, auch wenn wir keine großen Regengüsse hatten. Wir packen alles ein und fahren in den Ort frühstücken. Hernach fahren wir ein Stück die langweilige D1091, werden aber kurz vor der Abzweigung zum Col du Glandon durch Schilder gewahr, daß unser Plan A hier in die Hochalpen zu stoßen nicht funktioniert. Die Strecke ist wegen Baustelle gesperrt. Die Befragung der Karte zeigt die Möglichkeit für Plan B, aber das Internet sagt, daß auch der Col de Galibier geschlossen ist. So bleibt nur Plan C wieder nach Bourg zurück zu fahren, zurück über die Berge nach La Mure und dann Richtung Vercors. Also Pferde gesattelt und umgesetzt, ein kurzer Zwischenstopp bei der geschwungenen Brücke "sur la Bonne" und einem Tanken in La Mure geht es querbeet über Clelles und die nette anstrengende D120 zurück nach Die, wo wir den Weg hoch in die Berge nehmen. Dieses Mal biegen wir zum Combe Laval ab (letztes Jahr aus der anderen Richtung gefahren) und überqueren den Col de la Machine und die spektakuläre Straße mit vielen Fotostopps bis wir in großer Hitze wieder unten im Tal in St. Jean au Royans rauskommen.

Wir brauchen ein wenig, bis wir die D1092 Richtung Voiron finden, aber dann geht es nur noch um Kilometer machen. Leider ist Berufsverkehrszeit und bei der Hitze macht es das Fahren noch anstrengender. Aber schließlich kommen wir am Tagesziel Champagne-en-Valromey an, ein kleiner verträumter Municipal für 12,50€ erwartet uns. Der Ort ist leider genauso verträumt, um sechs hat alles zugemacht, und wir müssen in den nächsten Ort nach Artemare fahren. Karma läßt grüßen - ein Restaurant zu, daß zweite höchstpreisig und das dritte stellt sich entgegen einer Fake-Webseite bei google als besserer Imbiss heraus. Aber egal, es gibt etwas zu essen, ganz authentisch französisch eine Gyros Platte mit Salat. Es macht satt und den Wein nehmen wir am Platz zu uns. Es war ein langer Tag, 350km, und wir merken, daß wir einen Tag früher zurück kommen als geplant.

FaltenbalgImmerhin hat der Ort morgens offen, und wir bekommen unser gewohntes Frühstück in der Bar. Heute geht es nur noch weiter nach Norden. Die kleinen Nebenstrecken sind nicht viel belebt, aber anscheinend beliebt, um sie in der Nebensaison mit Bitumen und Schotter zu flicken. Es ist auch wegen der Hitze ein wenig anstrengend zu fahren. Am Col de Berentin noch ein Passfoto aus Gewohnheit gemacht und der nächste Stopp ist Pontalier, wo wir tanken. Als wir danach ein Lokal für Mittagessen suchen, kommen wir nach Mouthier-Haute-Pierre, was ich erst wieder erkenne, als wir vor meinem letztjährigen Hotel stehe. Das Mittagsmenü ist mit 16€ ein guter Deal, das letztjährige Abendmenü war für 36€ nicht besser. Da wir nicht noch einmal nach Maiche auf den Campingplatz wollen, ist unser Ziel St. Hippolyte. Bei guten 33° fahren wir die Nebenstraßen an Pierrefontaine-les-Varans vorbei durch die Wälder und sind schließlich froh, den Platz erreicht zu haben. Dieses Mal mache ich  mich frisch und Martin fährt noch mal in den Ort zum Einkaufen. Der Wind frischt abends beim Essen von Paté und Käse auf, es ziehen Wolken vorbei, aber die Regengüsse gibt es erst nachts. Von zuhause sehe ich, daß Paderborn einen Tornado durch die Stadt hatte. Martin ist froh, daß es nicht feuchter ist, sein Hinterreifen ist wie erwartet (von mir, er hatte ja Hoffnungen) komplett abgefahren.

Nach den 260km gestern sind es am Rückreisetag Samstag noch ein wenig mehr. Wir trennen uns kurz vor Mulhouse, ich fahre über Colmar und Strassbourg noch eine alte Freundin bei Offenburg besuchen nach einem letzten subventionierten Tankstop in Frankreich. Dann nehme ich nur noch die Autobahn und reite die letzten 200km (von insgesamt 400km) zurück. Heute ist es deutlich kühler.

Das war heiß, da war der Trip im Juli letztes Jahr fast kühl dagegen. Nichtsdestotrotz war es eine Woche, wie man sie haben will. Schöne Straßen, schöne Landschaften, gutes Essen und alles hat gehalten. Allerdings mußten wir beim Essen und unseren Plänen Kompromisse machen, deswegen wurden es auch nur 8 statt 9 Tage. Alles gut... naja, meine Guzzi zeigte ein paar Undichtigkeiten, die ich zu Hause abarbeiten muß. Der Faltenbalg des Kardans ist gerissen, der Bremssattel hinten näßt und am Thermostat vorne schwitzt es heraus. Aber ansonsten lief sie wie immer fehlerfrei. Ölverbrauch auf die insgesamt 2.940km ist unter einem Liter. Der Benzinverbrauch bewegte sich bei unserer Fahrweise bei etwa 4,6 l/100km. Der vordere RaceAttack hält immer noch super, auch wenn er jetzt anfängt auch die Auswaschungen seitlich zu bekommen. Martin hat vorne einen BT46, der nach den bekannten 3000-4000km das schon erhebllich deutlicher zeigt. Dank schon umgesetztem Dekret aus Paris konnten wir die SuperPlus Preise von ca. 1,90€/Liter genießen. Die Spanne der Preise der Zeltplätze war wie immer recht groß.

E. Thane
Mai 2022